Der Stuhl

Ein Menü auf mehreren Gängen.

 

von Anke Glasmacher

 

Im Arbeitsamt stehen sie. Und im Sozialamt. Die Stühle. Stehen. Die Wartenden. Sitzen. Sitzen auf den Stühlen (die keine Sessel sind!). Wie Godot. Damals. Der Wartete auch. Ein wenig zu endgültig. Jetzt ist er tot. Vielleicht weil er keine Nummer gezogen hatte.

Dann kam der Dreizehnte. Und fiel auf einen Freitag. Tut mir leid. Robinson Crusoe. Der Pate. Ohne Stuhl, ohne Tisch und ohne Bett auf einer einsamen Insel. Gestrandet. Ach, und welches Buch nehmen Sie mit?

 

Reise nach Jerusalem. Sie erinnern sich? Ein KinderSpiel. Immer im Kreis herumlaufen. Wer sitzt, gewinnt. Während du über Los gehst und glaubst, 2000 Euro einziehen zu können, haben sie dir schon den Stuhl unter dem Hintern weggezogen. Pech gehabt. Nix mit Godot. Nix mehr mit Warten. Aus. Geschieden. Aus Gerechnet. Es ist angerichtet.

 

In der Schule mussten wir nach dem Unterricht immer unsere Stühle auf die Tische stellen. Der Unterschied. Zwischen dem einen und dem anderen. Tisch und Stuhl. Oben und unten. Obwohl die zum Da: Sein befragte Philosophin mir systematologisch widerspricht: Einen Tisch als Tisch kann man ohne Stuhl definieren. Aber vergleichen kann man sie doch, finde ich. Deine Beine kannst Du nur solange unter meinen Tisch stellen, solange Du auf dem Stuhl sitzen bleibst. Tische halten etwas aus. Mit der Faust auf den Tisch hauen. So etwas passiert einem Stuhl nicht. Einem Stuhl sägen wir höchstens die Beine ab.

 

Der Stuhl. Ein Stuhl braucht vier Beine, ist Ihnen das schon einmal aufgefallen? Denn hätte er nur drei, wäre er kein Stuhl, sondern ein Hocker. Hocken wollen wir aber nicht. Das geht zu sehr auf die Oberschenkel. Ein Stuhl braucht eine Lehne. Anlehnen. Ein Stuhl ist viel mehr DU als der Tisch. Finde ich. Nur sitzen geht nicht. Sagt auch die Politikerin. Im Grunde ist ein Stuhl nur zum Reden da. Das Du: Der Tisch. Würde man nicht reden, würde man seine Härte gar nicht ertragen. Denke ich. Der Weg vom Stuhl zum Sessel geht über Rückenschmerzen. Bekennt die Politikerin. Ein wenig später. Der Stuhl verändert sich mit einem Kissen auf der Sitz Fläche. Er hat dann schon so etwas Sesseliges. Zur Macht kommt man über Schmerzen? Macht behält man, wenn man Schmerzen aushalten kann. Das hat etwas von Buddhistischer MeditationsHaltung. Auf dem Weg zwischen Karma und Nirwana. Und was werden Sie im nächsten Leben? Zwischen allen Stühlen sitzen.

  

Politiker mit Stehvermögen und genügend Sitzfleisch. Hinterbänkler. Vom ewigen Stühlerücken nicht betroffen. Der Sessel der Macht. Mmh... Auf seinem Stuhl kleben heißt, nicht zum Sessel wechseln dürfen. Einfach aussitzen bringt auch nicht immer weiter. Die Ministerin beklagte einmal: Ihr Schreibtischstuhl im Ministerium sei sehr viel unbequemer als ihr Stuhl im Abgeordnetenbüro. Ist das nun ein Sessel oder ein Stuhl? Ein Votum für die Legislative!

Im Parlament erkennt man den SitzPlatz des Kanzlers daran, dass seine Lehne höher ist als die der anderen Mitglieder.

Stühle verändern. Sich. Durch die, die auf ihnen sitzen. Die, die auf ihnen sitzen.

 

Ein Sessel ist niemals ein Sessel, wenn er keine Armlehne hat. Beim Sessel fehlt der Tisch. Ohne aufzufallen. Naja, manchmal hat er statt dessen einen Hocker. Ist ein Sessel deswegen einsamer als ein Stuhl? Wenn man es in den Sessel geschafft hat, muss man nicht mehr viel er/klären.

Auf dem Sitz im Parlament sitzt man gerade. Sagt die Politikerin. Die Kameras glotzen un-entbewegt. An. Je sesseliger der Stuhl desto weniger Disziplin.

Ist der Ruf erst ruiniert, sitzt es sich ganz ungeniert!

Ganz und gar einsam sitzt der Regent unter seinem Stuhl und sehnt sich eine neue Session herbei. Nicht nur am 11.11. eines jeden Jahres. Und nicht nur regional. Begrenzt. 

Die Queen sitzt seit 50 Jahren auf ihrem Thron. Ist ein Thron eigentlich ein Stuhl oder ein Sessel? Oder eine Bank? Nach 50 Jahren müsste man eigentlich glauben, Her Royal Majesty wäre eine Bank. Aber auf der Insel ist man da ja nie so sicher.

Der Papst hat auch einen Stuhl. 25 Jahre Thronjubiläum. Er hat allerdings mehr Untertanen. Und ein Papamobil. Einen gläsernen StehStuhl. Mit dem fährt er durch seine Herde. Statt Schäferhunde zu schicken. Seit dem Maulkorbzwang ist das ja auch nicht mehr so einfach.

Im Beichtstuhl wartet der Gottes Mann auf ein Geständnis. In den Kirchen Bänken sonntags nach der Messe kauern die Ave Marias noch mit zittrigen, ge/faltigen Händen. Ihre Gedanken kreisen um das gelernte Wort. Perlen Ketten aufschnüren. Rosen Kranz. Ketten Briefe schreiben. In GehDanken (Spam!). Beim Herrn. Gott oder Jesus? Am Abend schließt der Beichtstuhl dann wieder. Wissend steigt der Sohn Jesu hervor. Milde lächelnd durch die Bänke schreitend. Niemand muss mehr sitzenbleiben. Danach. Nicht bei den Katholischen.

Der Papst – der andere Sohn – sorgt nun für Transparenz. Eine Revolution. Im gläsernen Beichtstand. Die Story von Maria glaubt eh keiner mehr!

Die alten Frauen von heute brauchen keinen Rollstuhl. Aufrecht verlassen sie die Bank. Sie haben jetzt ein Gehwägelchen.

Spielverderber!

 

Und wo ist der Unterschied zur Couch, auf der Freud verreckte? Der Heiße Stuhl ist längst abgekühlt. Krebs nimmt auch die im Sitzen. Vor dem Medizinmann die Seele ausgebreitet. Auf dem Tablett serviert. Sorry, der Tisch ist schon voll. – Die Nase auch –. Stellen Sie’s doch auf den Stuhl. Freud hatte es geahnt. Er ist sitzen geblieben. Vor seinem Gegenüber. Ist das höflich? Die Aufrechten liegen in der Perspektive falsch. Auch der Liegende steht. Ändern Sie Ihre Blick Richtung!

 

Ärzte. Sitzen immer auf kleinen, runden, fahrbaren, schwarzen Hockern. Fahren, drehen sich um ihre Patienten. Herum. Immer gerade im Rücken. Stühle haben Macht. StuhlGänger brauchen die richtige Technik. Sitzen kann man lernen.

 

Der Stuhl. Mehrere Stühle sind eine Begegnung. Ein Stuhl ist ein Stuhl, wenn nur einer sitzen bleibt. Sonst wäre er eben eine Bank. Und zu viel Stuhl macht einsam. Schreien Magen-Darm-Grippe und die Urologie uni Sono. Subjektlose und unsubjektivistische Berichterstattung gibt es nicht. Das Sein bestimmt das BewusstSein. Auch im Warte Zimmer. Also doch. Stuhl Gang. Haufenweise.

Ein Stuhl sagt mehr als tausend Worte (sagt der Homöopath).

 

Ach wie gut, dass niemand weiß, dass Rumpelstilzchen nicht nur sein Bein verlor (ist er jetzt ein Hocker?), sondern auch vor Lachen vom Stuhl gefallen ist.

 

 

 

© Anke Glasmacher, Berlin 2003